Lebensreise

Mit meinem Großvater väterlicherseits machte ich so oft ich konnte Spaziergänge am Strand von Salerno. Es war immer derselbe Gang vom Strand zur alten Mole, dabei ergaben sich sehr gute Gespräche.

Dieses Mal war es ein anderes Gespräch, bei dem ich ihm sehr gut zuhörte:

Er nahm ein Stock, welcher vom Salzwasser gewaschen wurde und zog ein Strich in den nassen Sand, welcher gerade von der Gischt des Meeres berührt wurde.

Am Anfang des Striches malte er eine Nullam Ende des Striches ein X.

Er sagte: „Die Null ist die Geburt,das X das Ende eines Lebens. Dazwischen liegen entweder Jahre oder nur ein Atemzug. Genieße die Zeit und gehe dieser Linie so gut es geht gerade entlang“.

Es war unser letzter Spaziergang am Strand und er hinterließ mir wertvolle Worte, die mich ein Leben lang begleiten sollten.

Ich habe viel und immer wieder über seine Worte und Lebenserfahrungen nachgedacht. Sie haben mir in vielen Lebenssituationen halt gegeben.

Selbst in dem Moment als ich mit 19 Jahren mein Elternhaus verließ, um meinen eigenen Weg zu gehen. Ich fühlte dabei eine gewisse unsichtbare Stärke, die mich begleitete und ich schaffte es aus eigener Kraft mein Leben zu gestalten. Dabei verlor ich nicht an Ansehen in der Gesellschaft, was zu der Zeit nicht ganz so einfach war. Als junge Frau, welche auch noch mitten in der Ausbildung steckte und alleinstehend war, auszuziehen, das war für die damalige Zeit nicht so angesehen und der Lebensweg war mit vielen Hindernissen belegt.

Meine engen Vertrauten waren meine Großmutter mütterlicherseits und meine Tante väterlicherseits, mit ihnen verbrachte ich die Weihnachtszeit oder Ostern. Viele meiner Sorgen konnte ich mit ihnen telefonisch besprechen, das war sehr kostspielig, denn in den 80er Jahren war es sehr teuer nach Italien zu telefonieren.

Es war aber auch eine wundervolle Zeit, in welcher ich viel reiste und meine berufliche Karriere aufbaute. In meiner Freizeit galt mein Interesse der Kunst und ich bewegte mich in der Basler Kunstszene in einem illustrem Publikum mit interessanten Künstler, ich besuchte gute Ausstellungen in namenhaften Museen und lernte sehr gute Galerien kennen. In dieser Zeit lernte ich meinen Mann kennen, der mit mir reiste und meine Vorliebe der Kunst teilte. Es ging nicht lange und nach sehr kurzer Zeit wurde unsere wundervolle Tochter geboren.

Immer mit dieser Linie vor Augen, die mein Großvater mir aufmalte, konnte ich so manche Niederlage aber auch meine schwere Zeit der Krankheit ertragen. Ich wusste, dass man mit einer starken Familie so wie ich sie habe vieles bewältigen kann.

Nun ist die Zeit gekommen, nach vielen gemeinsamen Erlebten zur Ruhe zu kommen, zu welchem wir am Anfang dieses Jahres von einer Pandemie gezwungen wurden. Viele Träume für die Zukunft sind in dieser Zeit für den Moment nicht möglich oder für immer geplatzt. Etwas unsichtbares, das uns im Moment bestimmt, zwingt uns zur Ruhe zu kommen. Das Unsichtbare hält uns das X am Ende der Linie vor Augen, wenn wir die Regeln des Unbekannten Virus nicht befolgen.


21 Gedanken zu “Lebensreise

  1. Es ist wunderbar, solch weise und zugewandte gütige Lebensbegleiter oder Lebensebner zu haben. Herzlichen Glückwunsch, dass du so einen Großvater hattest, der dir u.a. dies wertvolle Geschenk gemacht hat, das dich begleiten konnte!

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    1. Ja Marion, ich hatte wundervolle Großeltern alle vier waren auf ihre Art besonders. Zu meinem Großvater väterlicherseits den ich auch in diesem Beitrag erwähne, hatte ich eine besondere Beziehung. Ich habe einige Jahre meiner Kindheit in Salerno bei ihm und Großmutter verbracht. Ich liebte es mit ihm entlang der Strandpromenade zu laufen und Meeresbucht zu genießen. Liebe Grüße Maria

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  2. Die vielen Spaziergänge am Meer zusammen mit Deinem Großvater, einer Dir sehr wichtigen Person, das erklärt den Namen Deines Blogs „Meereskindblog“. Es ist ein großes Glück, wenn man eine Person oder im besten Fall sogar mehrere Personen hat, denen man vertrauen kann und die einen auffangen, wenn es einem nicht so gut geht, und die immer für einen da sind. Das müssen nicht unbedingt Familienangehörige sein, man findet diese Personen glücklicherweise überall, auch dann, wenn man gar nicht damit rechnet. LG Marie

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    1. Liebe Marie, mein Großvater wusste von Anfang an, das ich nicht wie versprochen in Salerno aufwachsen würde. Meine Eltern gefiel es in Deutschland viel zu gut und machten es daher meinem Großvater sehr schwer ihnen zu widersprechen. Er wollte sich einerseits nicht in die Zukunft meiner Eltern einmischen und anderseits wollte er mich genau so behandeln wie alle anderen Enkelkinder. So kamen auch diese intensiven Gespräche die mein Großvater mit mir an der Strandpromenade von Salerno führte. Es muss sowohl für ihn wie auch für meine Großmutter und meiner Tante eine Achterbahn der Gefühle gewesen sein, denn bei jedem Brief das von meinen Eltern aus Deutschland ankam, befürchten sie, dass sie mich wieder nach Deutschland holen würden.
      Es kam der Tag als meine Eltern mich abholten und als ich verstand, das es nun ein Abschied von meinem gewohnten Umfeld in Salerno kam, fing ich an zu schreien und klammerte mich an der Außenbefestigungen des Zuges fest. Es brauchte sehr viel Kraft von meinen Eltern, damit ich in den Zug einstieg. Ein Schaffner der mein Großvater gut kannte, schrie ihn an und meinte, dass ich in Salerno bleiben soll. Ich bin schließlich ein Kind des Meeres – ein Meereskind. Liebe Grüsse Maria

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  3. Liebe Maria , du hast es wunderschön geschrieben , vorallem voller Dankbarkeit.
    Ich glaube dein Großvater hatte großes Vertrauen in Dich und war sich sicher , dass du deinen Weg gehst . Die Pandemie zeigt uns achtsamer miteinander umzugehen und gleichzeitig auch , unsere Träume und Wünsche nicht aus den Augen zu verlieren . Auch wenn wir dies vielleicht nicht mehr auf dem geplanten Weg uns erfüllen , so sollen wir doch wieder mit kindlicher Neugier uns für eine andere Möglichkeit öffnen . Ich weiß , dass du dies auch tust 😄
    Liebe Grüße Mona ❤️❤️😊

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    1. Danke dir Mona für deine lieben Worte. Wer weiß was dieser Virus uns sagen möchte. Ich weiß auch nicht wie es uns und unsere Umwelt verändern wird. Ich habe einfach nur das Gefühl, das sich alles verlangsamt hat und überlegter geworden ist. (Natürliche nicht überall und nicht alle). Durch die Vorsicht werde ich gezwungen, mehr das Jetzt zu leben und das ist gut so. Natürlich fehlt mir die Norddeutsche Küste und das Reisen, aber auch diese Zeit wird wiederkommen und bis dahin freue ich mich für das was ich jetzt habe.
      Das wären auch die Gedanken meines Großvaters gewesen, welcher die Spanische Grippe durchlebt hat.

      Wäre es nicht schön Mona, irgendwo an der Küste zu sitzen und bei einem guten Kaffee die Weite des Meeres zu genießen? Liebe Grüße Maria

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      1. Ja Maria , du hast recht ,es ist langsamer und bedachter . Das ist gut so , wir kommen wieder in unsere Balance und überlegen intensiver , was und wen wir wirklich brauchen .
        Nun Maria dann lass uns einfach mal ans Meer fahren und einen Kaffee trinken , so ganz spontan 😄😄❤️❤️ ich hab auch Fernweh und mir fehlt das Meer 😊
        Liebe Grüße Mona

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  4. In vielen Kulturen werden die „Alten“ als weise geachtet und geehrt, haben sie doch Lebenserfahrung und Weisheit. Großeltern sind ohnehin etwas Besonderes – ich liebte meine Großmutter sehr, war sie doch immer da, wenn ich sie brauchte.
    Dein Großvater dürfte für dich ähnlich gewesen sein. Vielleicht spürst du ihn manchmal, wenn du an ihn denkst. Es gibt da ein wunderschönes Lied, das einen die Tränen in die Augen treiben kann:
    „Großvota“ von STS
    Hör es dir mal an, wenn du es nohc nicht kennen solltest, denn es sagt genug aus.

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    1. Danke…ich habe mir den Song ein Stückchen angehört, leider habe ich nicht viel verstanden. Dann habe ich den Text gelesen und das ging besser. Ein schönes Lied.

      Manchmal nehmen andere Menschen den Platz der Eltern ein. Dennoch lassen sich Eltern nicht ersetzen.

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      1. Der Song ist einerseits unendlich traurig, andererseits aber voller Wärme im Herzen.

        Großeltern haben oft so viel Lebenserfahrung, auch mit geprägt durch härtere Zeiten, dass sie vieles ruhiger angehen konnten.

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      2. Weißt du, ich fang mit österreichischer Musik nicht sonderlich viel an – aber es gibt immer Ausnahmen und das eine Lied ist eine solche ganz besondere Ausnahme.

        Danke, so sehe ich es auch.

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