Salzkristalle (Teil 18)

Die Fahrt von Sizilien nach Deutschland erfolgte immer mit dem Zwischenstopp bis nach Salerno mit meinen Großeltern mütterlicherseits gemeinsam. Salerno war der Geburtsort meines Vaters. Dort blieben dann auch mein Onkel und Großeltern über Nacht und wurden von meiner gemeinsamem Verwandtschaft zum Essen eingeladen. Es war ein Fest den alle zusammen begannen mit einem morgendlichen Kaffeetrinken. Dabei wurden alle finanziellen und rechtlichen Angelegenheiten besprochen bis hin zum Mittagessen, bei dem neben dem Genuss der Speisen ebenfalls die Gespräche über wirtschaftliche Möglichkeiten bezüglich der Migration mit einflossen und nach einer Mittagsruhe zum Abendessen übergingen.

Auf dieses Abendessen freute ich mich ganz besonders. 

Da saßen all die Menschen am Tisch die ich in der fernen Heimat vermisste zusammen mit meinen Großeltern mütterlicherseits und meinem Onkel. Dies war mir nur für ein paar Stunden gegönnt daher schätze ich dieses Beisammensein umso mehr.

Meine Oma und mein Opa dekorierten den Abendtisch für uns alle. Meine ledige Tante gab dem Abendessen einen letzten Schliff. In der Mitte der Tafel wurde wie bei besonderen Festessen wie jetzt der alte Kerzenständer aus der Zeit des Jugendstils angemacht und der Tisch mit ein paar Blumen aus Omas Garten dekoriert.

Die Gerichte waren köstlich angerichtet und sehr simpel in der Zubereitung. Man wollte nicht die kostbare Zeit unnötig verschwenden. Es gab frischgefangen Fisch, Muscheln, selbstgemachte Brot, Tomaten und Mozzarella. Das Highlight war die Limonade aus den wilden Zitronen von dem Baum der mein Opa für mich gepflanzt hatte.

Er erzählte immer wieder die gleiche Geschichte.

Diesen Baum habe ich gemeinsam mit meiner Enkelin gesetzt an dem Tag, als sie mit ihren Eltern zurück nach Deutschland ging. An diesem Baum werde ich die Jahre erkennen in denen sie nicht bei uns aufwachsen wird. Der Baum ist genau so wild wie sie und ihre Haut wird nach Meereswasser und der Zitronenblüte duften.

Dies klang wie Poesie und die Augen aller am Tisch füllten sich mit Melancholie. Der Kerzenschein der sich in den Augen widerspiegelte gab dem Fest das Gefühl der Unendlichkeit.

In diesem Moment kreuzten sich die Augen meiner Großmutter und mir und wir wussten ohne Worte, dass wir die Geschichte mit dem Diamanten vertiefen sollten um nicht noch mehr in die Seelentrauer zu fallen! Dieses ständige Abschied nehmen und sich neu wieder zu richten. Zu wissen, es wird mindestens ein Jahr brauchen bis wir wieder am gleichen Tisch sitzen. Sich nicht riechen zu dürfen und Trost oder Rat von den geliebten Menschen zu bekommen, schmerzte tief.

Wir saßen noch lange zusammen und es war wie ein Gebet, die Ermahnung, mit Vorsicht die weitere Reise anzutreten. Das Flackern der Kerzen und der Duft der wilden Kräutern, Rosen und Obstbäume des Gartens sind in meiner Erinnerung tief eingeprägt.

Großmutter und ich verabschiedeten uns an diesem Abend anders. Ich war nun in ihren Augen kein Kind mehr. Ich musste mit meinem Diamanten Gedanken etwas bei ihr ausgelöst haben, denn sie stieg ins Auto und sagte zu mir. „ Nichts ist für die Unendlichkeit selbst ein Diamant kann wieder zu Asche werden.“

Ich bejahte es mit einem Nicken und alle Anwesenden taten das Gleiche.

Fortsetzung folgt…


19 Gedanken zu “Salzkristalle (Teil 18)

  1. Das hast Du wunderbar beschrieben, liebe Maria. An dieses Zusammensitzen denke ich noch gerne, als ich in italienischen Familien einige Zeit verbracht hatte (Pescara und Bologna), wo abends er spät gegessen wurde und man ewig lang zusammen gesessen und geplaudert hat. Nur war es für Dich und Deine Großmutter wieder ein Abschied und ein neuer Abschnitt, nicht ganz leicht. Aber Du hast mit Deinen schönen Geschichten Deiner Großmutter ein Denkmal gesetzt.
    Liebe Grüße, Marie

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    1. Liebe Marie, es war die schönste Zeit in meiner Kindheit. Die Migration ist voller Abschiede. Ich danke dir dafür das du meine Gedanken mit mir teilen kannst…aber du hast ähnliches erfahren und somit kannst du es gut nachfühlen. Sonnige Grüße Maria

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  2. „Es gab frischgefangen Fisch, Muscheln, selbstgemachte Brot, Tomaten und Mozzarella“, köstlich. Und dann die Geschichte mit dem Zitronenbäumchen. Eine wunderbare Schilderung des Zusammenseins. Mit Hilfe der Erinnerung an Darsteller aus italienischen Filmen stelle ich mir gerade die Rund des Abendessens in Salerno vor. Neben allem Übrigen in den Fortsetzungen bin ich gespannt auf deine Großmutter, die sich zum heimlichen Star in deiner Serie entwickelt.

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    1. Lieber Walter, tatsächlich sind Szenen aus einem Film die gleichen. Vielleicht auch deshalb weil sie so schön wahr sind. Diese Szene hat sich aber mit meinen Großeltern väterlicherseits in dessen Garten am langen Tisch abgespiegelt. Meine Großeltern mütterlicherseits fuhren nur mit uns nach Salerno mit. Sie fuhren dann weiter nach Sizilien. So ist das eben wenn man Eltern hat aus zwei verschiedenen Regionen.

      Meine Großeltern waren genial…alle nur meine Großmutter war in Deutschland übers Jahr durch immer in der Nähe. Und das war gut so!

      Wie war das Wandern?

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    1. Danke Marion das du meinen Worten folgst. Es sind Gedanken eines Kindes die in die Fremde von ihren eigenen Eltern entführt wurde nach Deutschland. Deutschland ist mein Geburtsort, was aber durch meine Rückkehr mir damals fremd war. Daher entwickelte sich mit der Zeit diese Gespräche mit meiner Großmutter mütterlicherseits. Sie wohnte in Deutschland ganz in unserer Nähe und hörte mir immer zu. Ich glaube heute rückblickend, dass ihr diese Gespräche gut taten denn sie hatte selbst Heimweh.
      Meine Großmutter betonte auch immer das der Zwischenstopp in Salerno mit meiner ganzen Familie für sie etwas ganz besonderes war. Am meisten liebte sie es das es ganz unkompliziert und einfach zuging. Alle halfen bei der Vorbereitung. Dieses Gemeinsame fehlte uns in Deutschland.

      Liebe Grüße Maria

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      1. Liebe Maria,

        das kann ich mir sehr gut vorstellen, dass dieses Gemeinsame fehlte in Deutschland.
        Gut, dass du und deine Großmutter einander hattet. Eure Gespräche haben vielleicht euch beide über schwierige Zeiten getragen.

        Herzliche Grüße
        Marion

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      2. Liebe Marion, ja es fehlte, weil alle ihrer Beschäftigung nachgingen. Sie hatten schließlich die Heimat verlassen um zu arbeiten. So auch meine Großmutter mütterlicherseits. Wir sahen uns jedes Wochenende. Wenn wir dann im Bett waren unser Film zu Ende war…konnten wir nicht einschlafen. So kam es zu unseren Gesprächen. Auch beim sonntäglichen Kaffee trinken was immer ein besonderes Ritual war sprachen wir über uns und unsere Gefühle. Es war immer sehr gemütlich und es gab immer was süßes aus der Heimat.
        Liebe Grüße
        Maria

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      3. Das kann ich mir alles sehr gut vorstellen. Alle mussten arbeiten, puh… Dachte die Großmutter wäre dann wenigstens da gewesen und hätte die Arbeitenden etwas entlasten können.

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      4. Nein, sie war eine sehr arbeitsame Frau. Man möchte glauben, dass wenn man aus dem Süden kommt besonders als Frau, dass man dann nur für die Familie da ist und sozusagen die Familie versorgt. Nein, meine Großmutter war mit meinem Großvater auf Augenhöhe und sie hatten einen sehr respektvollen Umgang miteinander. Sie ergänzten und unterstützen sich gegenseitig. So verdienten sie auch gemeinsam ihr Geld.
        Ich schreibe diese Zeilen liebe Marion nicht nur um meine damaligen Gefühle und Gedanken ein Platz zu geben. Sondern um zu erklären das nicht alle Migranten dem entsprachen was man mit einer sehr großen Distanz betrachte von den Einheimischen und gedacht wurde. Als meine Großmutter dann ihre eigene Rente hatte war sie sehr stolz.

        Muss aber dabei erwähnen, dass meine beiden Großmüttern sehr arbeitsam waren. Die Großmutter in Salerno arbeitete in Textilindustrie.

        Liebe Grüße Maria

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